Datum: 11.05.2015

„Wir sind auf dem Weg zur Fast-Food-Nation“

Fünf Fragen an… Valentin Thurn

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Quelle: (c) Pexels CC0

In Deutschland landen tagtäglich Tausende Tonnen frisches Brot, Gemüse, Obst, Fisch oder Fleisch im Müll, obwohl diese Lebensmittel noch genießbar wären. Was gegen die große Verschwendung getan werden, zeigen auch viele Unterrichtsmaterialien. Nur: Oft erschöpfen sie sich in Kochrezepten für Essensreste. Reicht das? Was tun gegen die massenhafte Verschwendung von Lebensmitteln? Fünf Fragen an den Dokumentarfilmer Valentin Thurn („Taste the Waste“). 

1. Herr Thurn, hat die Verschwendung von Lebensmitteln zuletzt eher zu- oder abgenommen?

In Deutschland wird zwar viel diskutiert über Lebensmittelverschwendung, gerade unter jüngeren Menschen, die statistisch am meisten wegwerfen. Aber: Dass sich das System verändert hat, sehe ich nicht. Wir halten weiterhin alles zu jeder Zeit verfügbar und haben keinen Bezug mehr zu dem, was wir essen.  

2. Die Kampagnen zum Thema haben versagt? 

Es gibt gute Einzelinitiativen, den Trend zu mehr Verschwendung konnten sie nicht brechen. Das müsste die Bundesregierung ran. Doch die konzentriert sich nach Druck der entsprechenden Lobbyverbände nur auf die Verbraucherinnen und Verbraucher. Handel und Hersteller müssten aber genau so mit ins Boot, soll weniger in der Tonne landen. 

3. Unterrichtsmaterialien zum Thema erschöpfen sich oft in Rezepten zur Verwertung von Essensresten. Reicht das?

Da läuft schon mehr. „Taste the Waste“ wird landauf, landab in Schulen gezeigt, in Schulbüchern zitiert. Aber vielerorts passiert auch nichts. Ein guter Anfang wäre meines Erachtens, wenn gemeinsames Kochen, die Nahrungszubereitung, eine stärkere Rolle im Unterricht spielte. Wenn in mehr Schulen eigenes Gemüse angebaut und anschließend gemeinsam in der Schulküche zubereitet würde. Das könnte einen engeren Bezug zu dem schaffen, was wir essen.  

4. Was kann Schule noch tun, um etwas gegen die große Verschwendung zu bewirken? Ist Schule überhaupt der richtige Partner dafür?

Schule ist ein richtiger Partner. Schon weil in vielen Haushalten kaum mehr gekocht wird. Da geht eine Kulturtechnik verloren, bei deren Wiederbelebung Schule zumindest etwas helfen könnte. Durch Unterricht. Und durch Vermittlung einer Denke, die Essen nicht auf Kalorienzählen reduziert, sondern als etwas, was sich zelebrieren lässt. Derzeit sind wir aber auf dem Weg zur Fast-Food-Nation. Im Durchschnitt nehmen wir uns für die tägliche Essenszubereitung 29 Minuten Zeit, inklusive Kaffeekochen.

5. Was könnte noch wirken? Was wünschen Sie sich? 

Ich würde das anonyme System der Verteilung von Lebensmitteln ersetzen durch eines, das einen engeren Bezug zulässt zu dem, was wir essen. Wenn ich zum Beispiel in einem urbanen Gartenprojekt eigenen Salat ziehe, setzt das einen mentalen Prozess in Gang. Dann konsumiere ich anders. Dabei kann die Politik helfen – indem Kommunen zum Beispiel Gelder für Kochkurse bereitstellen oder die Stadtgärtner Broccoli statt Efeu anpflanzen lassen.

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